Kirstin Keßler aus Sangerhausen arbeitet
ehrenamtlich als Hospizbegleiterin.
SANGERHAUSEN/MZ - Hospizbegleiter - was sind das für Menschen, die dann für Menschen da sind, wenn sie ihren letzten Weg
gehen. Wenn, wie man umgangssprachlich sagt, das letzte Stündlein geschlagen hat. Kirstin Keßler ist 47 Jahre alt. Sie lebt in
Sangerhausen, ist ledig und Verkäuferin. Ganz normal. Nicht ganz normal ist ihr ehrenamtliches Engagement: Seit 2006 ist sie
nämlich auch Hospizbegleiterin. Mit ihr sprach unsere Redakteurin Beate Thomashausen.
Wie sind Sie darauf gekommen, Menschen im Sterben zu begleiten?
Kirstin Keßler: Zum einen durch meine eigene Lebensgeschichte. Ich habe als junge Frau schon meine Mutter verloren. Und auch
mein Vater lebt nicht mehr. Zum anderen arbeitet eine meiner Freundinnen als Hospizbegleiterin. Ich bin manchmal mit ihr
mitgegangen und habe so ihre Arbeit kennen gelernt. Sie riet mir, selbst einen Kurs zu belegen und mich zur Hospizbegleiterin schulen
zu lassen.
Was lernt man in einer solchen Schulung?
Kirstin Keßler: Man lernt zum Beispiel etwas über sich selbst und setzt sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander. Die
Ausbildung dauert etwa 14, 15 Monate und beinhaltet auch ein Praktikum. Dann hat man aber noch keinen Kontakt zu todkranken,
sondern besucht zum Beispiel einsame Menschen in Pflegeheimen und ist für sie da.
Können Sie sich noch an Ihre erste Begleitung erinnern?
Kirstin Keßler: Selbstverständlich. Es war eine häusliche Begleitung. Ich war hauptsächlich da, um die Ehefrau zu entlasten, die
ihren sterbenden Mann pflegte. Ich war dann an seiner Seite, wenn die Ehefrau zum Beispiel Wege zu erledigen hatte. Sie fühlte sich
entlastet, wenn ich dann bei ihrem Mann war. Und natürlich war ich auch ihr eine Ansprechpartnerin
Was können Sie für einen Sterbenden noch tun?
Kirstin Keßler: Zeit geben. Zuhören. Reden. Die Hand halten. Schweigen. Einfach da sein. Mancher summt eine Melodie. Mancher
möchte einen Psalm sprechen.
Sind Sie immer die Gebende?
Kirstin Keßler: Nein, auf keinen Fall. Ich habe bisher immer etwas für mich mitgenommen aus einer solchen Begegnung. Es bewegt
mich natürlich, dass da ein Mensch stirbt. Es wäre schlimm, wenn es mich kalt ließe. Manchmal, wenn man als Begleiter großes Glück
hat, berührt man bei einer solchen Begleitung die Seele eines Menschen.
Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Kirstin Keßler: Ich bin evangelische Christin. Für mich ist mein Glaube tröstlich, gerade im Sterben.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Kirstin Keßler: Vor dem Tod habe ich keine Angst. Vielleicht vor dem Sterben, weil ich nicht weiß, wie es sein wird. Eine meiner
Kolleginnen hat es so gesagt: Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur der Weg, um zu diesem Zustand zu kommen, ängstigt mich
noch. Das trifft es aus meiner Sicht.
Würden Sie gern ewig leben?
Kirstin Keßler: Bewahre. Wenn ich mir vorstelle, Jahrhunderte lang zu leben. Ich weiß nicht. Ich möchte gar nicht unsterblich sein.
Was halten Sie von Sterbehilfe?
Kirstin Keßler: Überhaupt nichts. Ich finde es wichtiger, den Menschen beizustehen, ihnen mit Palliativmedizin das Leben auch in
den letzten Stunden so angenehm wie möglich zu machen. Denn auch wenn es unglaublich klingen mag, auch die allerletzten Stunden
sind es wert, gelebt zu werden. Manchmal sind sie sogar voller Humor und sehr schön.
Sind im Sterben alle gleich?
Kirstin Keßler: Im Tode ja, im Sterben nicht. Auf dem Sterbebett verliert ja niemand seine Persönlichkeit. Jedes Sterben ist ganz
individuell, so wie jeder Mensch individuell ist.
Begleiten Sie zurzeit einen Sterbenden?
Kirstin Keßler: Ja, ich wechsele mich mit einer Kollegin ab. Wir besuchen zur Zeit zweimal in der Woche eine Frau im Pflegeheim.
Wir sitzen am Bett, halten ihre Hand. Mehr Kommunikation ist nicht mehr möglich.
Wie verarbeiten Sie die Begleitungen?
Kirstin Keßler: Jeder von uns macht zwischen zwei Begleitungen erst einmal eine Pause, um das Erlebte zu verarbeiten. Wir reden in
der Gruppe über die Begleitung und hören ganz genau zu, um dem Begleiter helfen zu können, wenn er selbst Hilfe brauchen sollte.
Wir haben in unserer Gruppe ein Ritual eingeführt. Jeder Begleiter formt aus Kerzenwachs ein Symbol für den Verstorbenen, den er
auf seinem letzten Weg begleitet hat, und das ihn an den Verstorbenen erinnert. Das Symbol kommt zu vielen anderen auf eine Kerze
bei uns im Gruppenraum. Sie wird entzündet und wir legen eine Schweigeminute für den Verstorbenen ein. Wenn es uns möglich ist,
verabschieden wir uns auch am Grab von dem Verstorbenen.
Haben Sie Hobbys?
Kirstin Keßler: Ich fahre gern Fahrrad und schwimme sehr gern. Ich treffe mich mit Freunden, besuche wahnsinnig gern Konzerte
der "Toten Hosen".